Pressemeldung_2020-12-17

jugendschutz.net

Selbstgefährdende Inhalte im Netz: Hohes Risiko für Kinder und Jugendliche Bericht von jugendschutz.net verdeutlicht Ausmaß des Phänomens | Betreiber müssen Schutzkonzepte verbessern

Mainz/Berlin 17.12.20

Anleitungen zum Suizid, Propagierung von selbstverletzendem Verhalten, gefährliche Challenges, Verherrlichung von Alkohol- oder Drogenkonsum: Vor allem in den populären video- und bildbasierten Social-Media-Diensten wie TikTok, YouTube oder Instagram werden bereits minderjährige Nutzerinnen und Nutzer mit Inhalten konfrontiert, die riskante Handlungen positiv darstellen oder zur Nachahmung auffordern. Der Bericht „Selbstgefährdung im Netz 2020“ von jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet, den Bundesjugendministerin Franziska Giffey heute vorgestellt hat, verdeutlicht das Ausmaß des Phänomens und bietet einen Überblick über die enorme Bandbreite der Risiken.

 

„Die Recherchen von jugendschutz.net zeigen, dass die Vorsorgemaßnahmen der meisten Anbieter unzureichend sind und sie unzuverlässig auf Usermeldungen von gefährdenden Inhalten reagieren. Deshalb reformieren wir den gesetzlichen Kinder- und Jugendmedienschutz. Damit sollen Anbieter verpflichtet werden, geeignete Schutzkonzepte zu schaffen, die Pro-Selbstgefährdungs-Inhalte wirksam reduzieren und im Notfall schnell Hilfe bieten.“ sagt Familienministerin Franziska Giffey. „Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, an der digitalen Welt ganz selbstverständlich teilhaben zu können, sich dort selbst darzustellen, an Vorbildern zu orientieren, nach neuen Trends zu stöbern oder nach Informationen und Hilfe zu suchen. In virtueller Gemeinschaft bauen sich Hemmschwellen leichter ab, was zum Nachahmen und Ausprobieren verleiten kann. Insbesondere die Betreiber von Social-Media-Diensten tragen daher eine besondere Verantwortung für den Schutz der jüngsten Nutzerinnen und Nutzer.“

 

„Beiträge, die Essstörungen, Suizid oder Selbstverletzungen propagieren, werden mit trendigen oder szenetypischen Hashtags versehen. Dadurch verbreiten sie sich rasant und erzielen eine große Reichweite. Auch die Suche mit neutralen Begriffen kann bei Instagram oder TikTok zu selbstgefährdenden Inhalten führen,“ erläutert Stefan Glaser, Leiter von jugendschutz.net. Häufig würden zudem Inhalte und Hashtags aus mehreren Selbstgefährdungsbereichen kombiniert, um eine Vielzahl an jungen Userinnen und Usern anzusprechen.„Kinder und Jugendliche müssen sich auch in Social Media darauf verlassen können, dass sie dort unbeschadet unterwegs sein können. Betreiber sollten diesen Bedarf bereits bei der Entwicklung ihrer Angebote mitdenken und entsprechende Schutzmechanismen vorsehen,“ so Glaser weiter.

 

jugendschutz.net sichtete 2019 insgesamt 4.643 Angebote mit Inhalten zu selbstgefährdendem Verhalten, darunter Websites, Foren und Onlineshops sowie Einzelinhalte bzw. Profile oder Gruppen in Social-Media-Diensten. In 941 Fällen lag aus Sicht von jugendschutz.net ein Verstoß gegen jugendschutzrechtliche Bestimmungen vor und es wurden entsprechende Maßnahmen eingeleitet. 93 % der Verstöße fanden sich dabei in Social Media, und zwar zum allergrößten Teil (88 %) in den populären Diensten wie Facebook, Instagram, Pinterest, TikTok, Tumblr, Twitter und YouTube. Bei einem Drittel aller Verstöße (33 %) handelte es sich um selbstverletzendes Verhalten. 21 % enthielten Pro-Ana/Mia-Inhalte, 20 % waren Suizidinhalte. 16 % waren der Kategorie Risikoverhalten (Mutproben, Challenges) zuzuordnen, 10 % entfielen auf Inhalte rund um die ThemenDrogen, Tabak und Alkohol.

 

Der Bericht „Selbstgefährdung im Netz 2020“ steht zum Download bereit unter: www.jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/Bericht_2020_Selbstgefährdung.pdf

 

 

Hintergrundinformationen zu jugendschutz.net

jugendschutz.net ist das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet. Die Stelle recherchiert Gefahren und Risiken in jugendaffinen Diensten. Sie fordert Anbieter und Betreiber auf, ihre Angebote so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche sie unbeschwert nutzen können.

Die Jugendministerien haben jugendschutz.net 1997 gegründet. Die Stelle ist seit 2003 an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) angebunden. jugendschutz.net wird finanziert von den Obersten Landesjugendbehörden, den Landesmedienanstalten und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

jugendschutz.net nimmt über seine Online-Beschwerdestelle Hinweise auf Verstöße gegen den Jugendmedienschutz entgegen. Verstöße im Netz können gemeldet werden unter www.jugendschutz.net/hotline

 

Kontakt

E-Mail: presse(at)jugendschutz.net

www.jugendschutz.net