Nach oben

Serien-Hit Adolescence: Online-Phänomen Frauenhass und Incel-Webkultur

 

(Stand 15.04.2026)

Die britische Netflix-Serie Adolescence ist mit über 100 Mio. Abrufen ein weltweiter Publikumserfolg, der starke Reaktionen hervorgerufen hat. Sie behandelt den Mord eines 13-Jährigen an seiner Mitschülerin und thematisiert dabei auch toxische Maskulinität. Zuschauer:innen erhalten Einblick in eine Online-Welt, in der nicht nur Cybermobbing oder „Revenge Porn“ Alltagsphänomene sind, sondern auch eine Subkultur der Frauenfeindlichkeit und die Ideenwelt so genannter „Incels“, deren Codes und Narrative auch Kindern und Jugendlichen bei ihrer Nutzung von Internetdiensten leicht begegnen können.

„Incels“: Subkultur der Frauenfeindlichkeit

„Incel“ ist ein Begriff aus dem Englischen, der sich aus involuntary („unfreiwillig“) und celibate („sexuell enthaltsam“/ „zölibatär“) zusammensetzt. Es handelt sich um die Selbstbezeichnung von Vertretern einer Online-Subkultur, die in den USA entstanden, mittlerweile aber weltweit verbreitet ist. Anhänger sind heterosexuelle Männer, die ihrer eigenen Überzeugung gemäß „unfreiwillig“ keinen Geschlechtsverkehr haben, woran aus ihrer Sicht vor allem der Feminismus schuld sei. Dieser habe die vermeintlich natürliche Überlegenheit von Männern in der Partnerinnenwahl und deren angebliches Recht auf Sex unterhöhlt und zu einem verschärften Konkurrenzverhältnis unter Männern sowie zwischen Männern und Frauen geführt. Incels sehen sich selbst am unteren Ende einer Attraktivitätshierarchie und daher chancenlos auf eine Partnerschaft mit einer Frau.

Incels sind nicht per se rechtsextrem, der Antifeminismus und die Vorstellung einer männlichen Überlegenheit weisen aber Anknüpfungspunkte zu rechtsextremen Ideologien auf. Die Grenzen zu verschiedenen Arten des Extremismus und des Verschwörungsdenkens sind fließend. Nicht zuletzt ist es zudem die Verherrlichung und Befürwortung von Gewalt in Teilen der Incel-Szene, die eine Nähe zu rechtsterroristischen Milieus herstellt und die in der Vergangenheit bereits zu drastischen Gewalttaten und Anschlägen geführt hat. Antisemitisches Verschwörungsdenken (Feminismus sei eine Waffe der jüdischen Weltverschwörung) sowie rassistische Positionen (z.B. in Anschluss an die Ideologie der „White Supremacy“) finden sich ebenfalls im Incel-Kontext.

Relevanz in jugendaffinen Social-Media-Diensten

Die Serie Adolescence zeigt drastische Folgen der Konfrontation im Netz für Kinder und Jugendliche auf. Die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche bei der alltäglichen Nutzung auf beliebten großen Plattformen mit frauenfeindlichen Inhalten, die speziell der Incel-Community und -Ideologie zuzuordnen sind, konfrontiert werden, ist allerdings gemäß den Beobachtungen von jugendschutz.net eher gering.  Die Szene tauscht sich primär in eigenen Diskussionsforen, auf Imageboards oder in Messengerkanälen aus.

Frauenfeindliche bzw. antifeministische Beiträge sind auf Diensten wie Instagram, TikTok oder YouTube jedoch weit verbreitet und auch für Minderjährige leicht auffindbar. Dies umfasst u.a. misogyne Influencer, die mit ihrer Frauenverachtung ein breites Publikum erreichen, sexualisierend-abwertende und beleidigende Kommentare, die sich gegen Nutzer:innen und in besonderem Maße gegen weiblich gelesene Politiker:innen oder Aktivist:innen richten. Häufig sind auch Incel-Codes/-Begriffe die unauffällig wirken und bisweilen Vereinnahmung beliebter Emojis sind, die überwiegend harmlos bzw. ohne hassideologische Bedeutung gebraucht werden.

Rezeption und Debatte der Serie in Social Media

„Adolescence“ rief in Sozialen Medien eine angeregte Diskussion über toxische Maskulinität, ideologisierten und vernetzten Frauenhass sowie damit verbundene Herausforderungen für Erziehung und Prävention hervor. Zur Sprache kamen auch Kritik und Ablehnung sowie problematische (Um-)Deutungen. So wurde die Serie als Propagandamittel zur Durchsetzung von Online-Überwachungsmaßnahmen wie dem britischen Online Safety Act beargwöhnt. Zudem kritisierten zahlreiche Nutzer:innen, dass mit der Serie „im Namen von Wokeness“ eine „anti-weiße“ Diskriminierung betrieben würde (Darstellung des fiktionalen Protagonisten als weißes Mittelstands-Kind, während es sich bei dem mutmaßlichen Täter des zu Grunde liegenden Mordfalls um einen schwarzen Migranten handelte). Entsprechend fanden sich Kommentare, die die Serie als Täuschung oder Indoktrination abstempelten und das Phänomen von Hass und tödlicher Gewalt gegen Frauen für migrantenfeindliche und rassistische Positionen vereinnahmten. Dabei wurde das in rechtsextremen und rechtspopulistischen Kreisen weitverbreitete Stereotyp des jungen männlichen Schwarzen als potenzielle Gefahr besonders für weiße Frauen und Mädchen bedient.

Versteckte Codes und ihre Bedeutung

In der Serie Adolescence erklärt der Sohn des ermittelnden Polizisten die Bedeutung diverser Symbole und benennt, es handele sich dabei um eine Art Jugendsprache bzw. Internet-„Slang“, den Erwachsene in der Regel nicht verstehen bzw. erkennen würden.

Beispiele für begriffliche oder zeichenhafte Codes sind z.B. Stickers oder Emojis mit spezieller Bedeutung: 

Dynamitstange oder Kidneybohnen: Incel 

rote Pille: verweist auf das auch unter Rechtsextremen oder Verschwörungsgläubigen populäre Symbol der „Red Pill“. Anspielung auf den Science-Fiction-Film Matrix; steht für das Erkennen politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge/ das Durchschauen ideologischer Verblendung und Propaganda. Speziell im Incel-Kontext Verwendung als verächtliches Symbol einer Hörigkeit gegenüber dem Feminismus, der in den Augen der Incels den Frauen eine übergeordnete Stellung verleiht und Männer zu „Unterdrückten“ macht 

Tasse Kaffee: drückt die Verachtung von Frauen aus   

💯 : Das Zustimmung signalisierende Zeichen steht unter Incels für die „80/20-Regel“, nach der 80 % der Frauen nur 
20 % der Männer attraktiv fänden.

Auch Herz-Emojis werden, je nach Farbe, verschiedene Bedeutungen zugeschrieben.

Das könnte Sie auch interessieren